Schlafende Menschen. Unser erster Eindruck von Indien waren die schlafenden Menschen. Sie lagen auf dem Bürgersteig, zwischen Müllbergen und streundenden Hunden, auf Motorhauben von parkenden Autos. Während wir in unserem klimatisierten Bus richtung Mumbai Zentrum rollten zogen sie zu hunderten hinter der Scheibe an uns vorbei. Nach einer schlaflosen Nacht im Flugzeug kamen wir früh morgens um 5h, pünktlich zum Sonnenaufgang am Hotel YMCA an. Während wir eine kleine Unterweisung und Auffrischung erhielten erwachte draußen die Stadt und als wir um 7h wieder in den Bus stiegen und zu einer kleinen Stadtrundfahrt aufbrachen hatte das Leben die Straße bereits wieder in vollem Griff.
Nach einem kurzen Abstecher zum noch menschenleeren Stadtstrand und einem Gruß an den Indischen Ozean war unser nächster Haltepunkt das Taj Mahal Palace Hotel an der Südspitze der Halbinsel Mumbai. Jenes Hotel das 2008 einer der Schauplätze der verheerenden Anschläge wurde, wovon allerdings längst nichts mehr zu bemerken war. Eine Horde Bettler und Verkäufer wartete bereits am gegenüberliegenden Gate of India auf die ersten Touristen des Tages. Übermüdet und überwältigt kämpften wir uns durch die Massen die sich sofort um uns scharten um uns Blumen, Postkarten, Krimskrams und hungrige Kleinkinder unter die Nasen zu halten. Als wir dann am Straßenrand standen und auf den Bus warteten gruppierten sich einige Duzend Inder um uns herum und beobachteten uns stillschweigend. Und just in dem Moment als ich versuchte meine Gedanken über Armut, Elend und die Ungerechtigkeit auf der Welt zu ordnen zückte einer der Inder sein Iphone und fing an uns zu filmen. Lektion 1: Indien ist immer für eine Überraschung gut!
Der nächste Programmpunkt führte uns zum Dhobi Ghat, dem großen Wäschereiviertel Mumbais. Durch diesen Slum wandert in regelmäßigen zyklen quasi sämtliche Wäsche aller Hotels und auch vieler Einwohner der 17-Millionen-Stadt. Die Bewohner waschen die Berge an Hosen, Laken und Hemden mit der Hand in großen Steinbottichen voller Lauge, in denen sich gleichzeitig auch Menschen waschen. Dann hängen sie sie in den staubigen Gassen und auf den Dächern des Slums zum trocknen auf, ehe sie den Besitzern zurück gebracht wird, angeblich mit einer erstaunlich geringen Quote an Verlusten.
Am Mittag verließen wir den Bus in einem künstlerisch geprägten Viertel um zwei Galerien zu besichtigen. So kamen wir zu einem ersten Spaziergang durch eine indische Stadt. Noch etwas versschüchtert und irritiert bestaunten wir eine auf der Straße stehende Kuh, winkten einigen Kindern zu, umkurvten elegant sämtliche Müllhaufen und warfen ein paar Blicke in die vielen kleinen Läden. In einer Nebenstraße spielten ein paar Jungs Cricket. Eine Ziege beobachtete das Treiben genauso verständnislos wie wir. So ein Sonntagmittag kann selbst in einer Stadt wie Mumbai irgendwie friedlich und idyllisch sein.
Eines der größten Architekturbüros Indiens ist das Büro Hafeez Contractors. Eigentlich hatten wir geplant dem Büro am Nachmittag einen Besuch abzustatten aber durch dir bevorstehenden Diwali-Feiertage waren die meisten Mitarbeiter die Woche außer Hause. So kam ein einzelner Mitarbeiter des Büros am mittag zu uns, und begleitete uns auf der Stadtrundfahrt. Er führte uns auch zu einem so eben fertiggestellen Projekt seiner Firma, zwei Türme mit Luxusapartements in denen wir eine Musterwohnung besuchten durften. Das Projekt wurde uns unter dem wohlklingenden Namen “Slum-Redevelopment” angepriesen. Von oben konnten wir leider jedoch auch erkennen was in Indien unter diesem Schlagwort zu verstehen ist: Ein Slum in Innenstadtnähe wird komplett geräumt. Von der dichten einstöckigen Bebauung mit Wellblechhütten werden die Bewohner in enge, dicht gestaffelte, 8-10 geschossige Wohntürme verfrachtet. Ungefähr drei Meter vor diese Türme wird eine zehn Stockwerke hohe Mauer gebaut, die die frei gewordene Fläche abgrenzt. Hinter der Mauer entstehen 8 Geschosse Parkhaus mit Park und Pool auf dem Dach, jedoch ohne Sichtkontakt zur “anderen Seite”. Auf diese Basis werden nun noch zwei Wohntürme mit 55 Stockwerken Luxusapartments gesetzt, deren Verkaufspreis laut Auskunft des Architekten locker das zehnfache des Baupreises erreicht. Am Ende kassiert ein Investor mächtig ab und wird von der Regierung noch dabei gefördert und die Menschen aus dem Slum werden von einem ins nächste Elend geworfen, nur jetzt auch noch ohne gewachsene soziale Strukturen und dafür mit Beobachtung von oben aus diversen Luxusbalkonen. Mit Architektur hat das alles für mich wenig zu tun, sollte diese doch immer das Wohl der späteren Nutzer an oberste Stelle setzen. Dennoch war der Ausblick von oben auf die Megastadt in der wunderschönen Bucht die ihr einst den portugiesischen Namen Bom Bahia einbrachte natürlich eindrucksvoll. Und ich denke besser kann man die extreme dieses Landes auch gar nicht verdeutlichen als nur zwei Stunden nach dem Gang durch den Wäschereislum nun hier oben zu stehen und hinüber zu blicken auf das größte Einfamilienhaus der Welt. Ein gewisser Herr Mukesh Ambani hat sich nämlich vor kurzen in Mumbai einen 175 Meter Wohnturm mit 27 Stockwerken nur für sich und seine Familie und seine Mutter gebaut. Diese 6 Personen hausen nun auf einer Fläche größer als das Schloss von Versailles und haben einen grandiosen Ausblick auf die Slums direkt unter ihnen. Lektion 2: In Indien gibt es keinen Maßstab der noch nicht gesprägt wäre.
Geplättet und müde fielen wir am abend ins Bett. Viel Zeit die Eindrücke zu verarbeiten blieb jedoch nicht. Am nächsten morgen klingelte der Wecker bereits um 4:45h. Wieder stand der Bus bereit um uns zum Bahnhof Mumbai Central zu bringen. Hier bahnten wir uns unseren Weg durch Taxis, Menschen, Bündel, Kisten und tote Ratten und bestiegen schließlich den Zug nach Ahmedabad.
Morgens vor dem Hotel
Straßenszenen
Wäschereiviertel Dhobi Ghat
Hotel Taj Mahal Palace
Stadtstrand am frühen morgen
Wohntürme
Wohntürme von Hafeez Contractor
Kontraste
Umliegende Wohnverhältnisse, im Hintergrund das “Einfamilienhaus”
Cricket spielende Menschen
Bilder auf FlickR:
India 11, a set on Flickr.
AHMEDABAD ADVENTURE (Tage 2-4)
RAJASTAN RALLYE (Tage 5-7)
AMAZING AGRA (Tage 8-10)
CHARMING CHANDIGARH (Tage 11-13)










































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