Indische Züge haben weder Türen noch Fensterscheiben. In den offenen Löchern stehen Männer, Bündel, Kinder, scheinen regelrecht hinauszuhängen und drohen jeden Moment zu fallen. Doch sie bleiben stehen und der Zug rumpelt weiter seiner Wege. In unserem 1.Klasse-Abteil gab es dieses Problem natürlich nicht. Eine dicke, schmutzige Glasscheibe trennte uns von der bunten Diashow die da draußen abzulaufen schien. Menschen, Kühe und Ziegen zogen da vorbei, standen neben, auf und zwischen den schienen, verrichteten ihre Notdurft, kochten etwas zu essen, lagen einfach da und schliefen. Die Schienen der Indian Railways sind so etwas wie das Wohnzimmer von Millionen Menschen. Erst zig Kilometer hinter Mumbai wich das allgemeine Chaos so etwas wie Landschaft.
Um 13h kamen wir schließlich in der quirligen 5-Millionen-Metropole Ahmedabad an, örtlich auch Amdavad genannt. Auch hier stand bereits ein Bus vor dem Bahnhof bereit der uns durch einen wilden Strom aus grüngelben Motorrikschas, mit drei, vier und fünf Mann besetzten Motorrädern, Fußgängern und wild herumstreundenden Kühen sicher zum Hotel Cama navigierte. Nach einem netten Willkommenstrunk und einer kurzen Erfrischung konnte dann das Tagesprogramm beginnen. Wiederrum war es der Bus der uns zu unserem ersten Ziel brachte während wir die Show genossen die da draußen an uns vorbeizog. Bunte Läden und Stände boten allerlei Krimskrams zum Verkauf. Frauen in gelben und roten Saris saßen elegant hinten auf Motorrädern. Der ein oder andere Esel- oder Kamelwagen versuchte im allgemeinen Gewusel so gut es ging mitzuschwimmen. Grüne Papageien und kleine Affen auf Hausdächern komplettierten das Bild.
Doch trotz all des exotischen Tohuwabohu waren wir ja eigentlich gekommen um Architektur zu besichtigen. Und Ahmedabad hat auf diesem Feld erstaunlicherweise durchaus einiges zu bieten. Le Corbusier und Louis Kahn haben hier gearbeitet, Balkrishna Doshi, einer der bekanntesten indischen Architekten hat hier sein Büro und die CEPT School of Architecture gehört zu den besten im Lande. Unser erster Besuch galt der Villa Sarabhai, die Le Corbusier im Jahr 1951 für eine reiche Textilweberfamilie in einem parkartigen Grundstück plante. Ein beeindruckend offenes Gebäude dass auf einem einfachen Schottenprinzip basiert und in zwei Richtungen mit dem umliegenden Park zu verschmelzen scheint. Und die Wasserrutsche vom Schlafzimmer in den pool dürfte auch Nicht-Architekten zusagen!
Wir legten einen weiteren Stop an einem Jain-Tempel ein. Die Jain sind eine strengvegetarische Religionsgruppe im Westen indiens. Sie essen nicht einmal Pflanzen die unter der Erde wachsen weil bei der Ernte Insekten zu Schaden kommen könnten. Vor dem Tempel machten wir eine erste Begegnung mit den Kindern Ahmedabads. Die Kinder lieben Kameras. Sie wollen bei jeder Gelegenheit ein Foto von sich gemacht bekommen. Einfach so, weil sie es spaßig finden. Da lacht natürlich auch das Touristen- und Hobbyfotografenherz. Später am Tag hielten wir noch an der Villa Shodhan, ebenfalls ein Entwurf des Schweizer Altmeister Le Corbusier. Leider erhielten wir jedoch in das noch immer bewohnte Gebäude keinen Eintritt und konnten die komplexe Raumstruktur nur von außen erahnen.
Am Abend wollten wir mit einer größeren Gruppe von ca 25 noch eine gemütliche Runde durch die nahegelegene Altstadt schlendern. Doch wir hatten völlig unterschätzt wieviel Aufruhr 25 Europäer in dieser Stadt erregen. Das fing an als wir ausversehen in eine auf der Straße stattfindende Hochzeitsfeier stolperten. Anfängliche Skepsis und Ermahnungen dies sei eine Privatveranstaltung wichen innerhalb von 30 Sekunden einer offenen, freundlichen Begrüßung und Erklärung der Vorgänge. Nach zwei Minuten wollten sie uns gar nicht mehr gehen lassen. Weiter in der Stadt scharten sich wo immer wir stehen blieben innerhalb Sekunden eine Menschentraube von 50-100 Schaulustigen um uns herum. Männer, Frauen, Kinder allen Alters standen einfach da, schauten zu und freuten sich über einen netten Gruß oder ein Händeschütteln. In der 5-Millionen-Einwohner Metropole Ahmedabad sind Touristen offensichtlich eine echte Rarität. Nach einer Weile teilten wir uns auf in kleinere Gruppen, schlenderten noch etwas durch die bunten Marktstände die voll auf die bevorstehenden Diwali-Feiertage eingestellt waren und bestaunten die immer wieder dazwischen auftauchenden Kühe. Schließlich bedienten wir uns des praktischen Transportmittel Motorrikscha um wieder ins Hotel zu kommen. Die kleinen Kisten knattern, oft mit 7 oder 8 Menschen besetzt zu tausenden durch jede indische Stadt und sollten uns noch gute Dienste erweisen. Und das schönste ist das nach jeder Fahrt der Tourist denkt “Wow! Für 70 Cent so weit gefahren!” und der Rikschfahrer gleichzeitig ” Wow! 70 Cent für das bisschen Fahrt!”. Klassische Win-Win-Situation!
Am morgen von Tag 3 begaben wir uns wieder in die Altstadt. Es gibt hier einen geführten “Heritage walk” der sich als äußerst interessant und informativ herausstellte. Wir liefen durch Gassen und Höfe und lernten das ein oder andere über traditionelle indische Städtebauprinzipien sowie auch über die Gesellschaftsformen die dazu führten dass sich die Städte so entwickelten wie sie es taten. So ist Ahmedabad streng unterteilt in abgeschlossene Viertel in denen jeweils eine bestimmte Kaste oder Berufsgruppe wohnte, zwischen denen es jedoch auch zahlreiche Geheimgänge und Verbindungen gab. Wir besichtigten Tempel und Märkte und erhielten sogar kurze Einblicke in einige Wohnhäuser, bis wir schließlich zu guter letzt an der großen Freitagsmoschee ankamen. Den guten Kilometer von hier bis zum Busparkplatz wollten wir schnell laufen, doch innerhalb von Minuten hatte sich unsere Gruppe in den Menschenmassen komplett aufgelöst. Die Haupteinkaufsstraße Ghandi-Road ist ein Meer an Menschen und Marktständen und das zu jeder Tageszeit. Als dann auch noch ein Elefant in der Masse auftauchte war es um die Gruppe endgültig geschehen. Irgendwo zwischen all den Kindern die Fotos von sich wollten, Männern die die Hände schütteln wollten und Bettlern die Geld wollten war jeder von uns in seiner eigenen Welt gelandet. Erst mit reichlich Verspätung kamen alle am Bus an und wir konnten zu unserem nächsten Ziel aufbrechen, einem Besuch im Büro von Balkrishna Doshi.
Aufgrund der angebrochenen Diwali-Feiertage denen in Indien eine ähnliche Bedeutung zukommt wie Weihnachten in Europa, war das Büro ebenso wie viele andere Orte an diesem Tag verwaist. Jedoch hatten sich drei Kollegen bereit erklärt uns zu empfangen und durch das Büro zu führen. Der Besuch und der Einblick in hiesige Arbeitswelten war durchaus interessant. Der Einfluss der Altmeister LeCorbusier und Louis Kahn, mit denen Doshi einst zusammen hier in der Stadt arbeitete war unverkennbar, doch auch in der heutigen Zeit macht das Büro interessante Entwürfe. Der nächste Programmpunkt war das Gebäude der Mill Owners Society, ein relativ brutaler Betonkubus von LeCorbusier mit einigen spannenden Details. Auch hier hatte Herr Gatermann es geschafft jemanden herbei zu telefonieren der extra für uns das Gebäude öffnete. Nach einem Rundgang durch das Gebäude konnten wir uns noch über eine Pause beim gegenüberliegenden McDonalds freuen. Wir bekamen zwar jeden morgen und Abend sehr ordentliches Essen im Hotel, doch bei so einem langen Tag auf Achse schadet eine warme Stärkung am mittag ja auch nicht. Und außerdem ist es ja immer wieder interessant wie das eigentlich so standardisierte McDonalds-Menü in anderen Kulturen aussieht. Mich konnte vor allem der McMaharadscha, eine Art indischer BigMac mit Hühnchen und Currysauce überzeugen.
Am Nachmittag besichtigten wir ausgiebig das Indian Institute of Management, ein Hochschulkomplex von Louis Kahn der 1974 fertiggestellt wurde und in den letzten Jahren eine durchaus hochwertige Erweiterung vom Büro HCPDPM erhielt. Außerdem schafften wir auch noch einen Abstecher zur CEPT School of Architecture, wo wir einen deutschen und zwei scheizer Austauschstudenten trafen die uns ein wenig über das Leben in Ahmedabad erzählten.
Zum Abendessen gingen wir mit der ganzen Gruppe in ein Restaurant in der Stadtmitte mit einer wunderschönen Dachterrasse und bekamen ein tolles Menü mit allerlei exotischen Köstlichkeiten vorgesetzt. Später las ich in meinem Guidebuch, dass dies eines der besten Restaurants im Lande sein soll und berühmt für seine traditionel gujaratische Küche ist. Bei dem indischen Preisniveau kann man sich wohl auch als Studentengruppe mal ein wenig Luxus gönnen.
Nach dem Abendessen zogen Simon und ich per Motorrikscha los um die zuvor erwähnten Schweizer zu besuchen. Sie wohnten zu zehnt mit Studenten aus aller Welt in einem netten Studentenhaus am Stadtrand. Der Staat Gujarat ist der einzige “trockene” Staat Indiens, das heißt Alkohol gibt es nur in ganz wenigen Bottle-Shops und nur in gewissen Rationen per Monat. Mit einem Touristenvisum erhält man zwei Monatsrationen also zum Beispiel 20 Biere. Ausländischen Studenten steht gar keine Ration zu. So war natürlich die Freude groß als wir eine Flasche Whiskey aus dem Bottleshop im Hotel zum gemeinsamen Verzehr mitbrachten. Nach einem netten Abend mit Gesprächen über Architktur, Indien und das Reisen an sich wollten wir uns gegen 1h wieder auf den Weg ins Hotel machen. Leider hatten wir nicht eingeplant dass Ahmedabad nach 24h praktisch ausgestorben ist. So lebhaft diese Metrpole am Tage ist, in der Nacht ist sie eine Geisterstadt. Wir standen einige Minuten auf der Straße und warteten auf eine Rikscha ehe einer der Studenten anbot uns mit dem Motorrad nach hause zu fahren. In Ermangelung an Alternativen kletterten wir beide hinten auf das Motorrad und düsten durch ausgestorbene, holprige Straßen, vorbei an streunenden Hunden in Richtung Innenstadt. Ein echt indisches Erlebnis, dass ich so aber nicht unbedingt nochmal brauche.
Am eigentlichen Diwali Feiertag hatten wir nur am vormittag ein wenig Programm geplant. Der Nachmittag sollte uns zur dringend überfälligen Entspannung und einem Einkaufsbummel dienen. Der erste Stop des Tages war ein Museumsgebäude von LeCorbusier. Insgesamt vier Museen hat er auf der ganzen Welt nach dem selben, modular aufgebauten Prinzip gebaut. Eines davon hatten wir im Vorjahr im Ueno Park in Tokyo besichtigt. Dasjenige in Ahmedabad war leider wegen Diwali geschlossen und die Bausubstanz in miserablen Zustand. An allen Ecken und Enden bröckelte der Beton hinunter. Wir bestiegen schnell wieder den Bus und fuhren weiter zum Ghandi Ashram, den Ort an dem Mahatma Gandhi von 1918 bis 1930 lebte. Der letzte Stop des Tages war der Stufenbrunnen Dada Hari Vav. Da der Westen Indiens relativ trocken ist war Wasser von jeher eine Kostbarkeit. An verschiedenen orten haben Herrscher die Brunnenanlagen zu regelrechten Tempeln ausgebaut. Der Stufenbrunnen von Ahmedabad, gebaut im Jahr 1501, besteht aus einer langen Treppenanlage die ca 20m tief hinunter in die Erde führt und dabei immer wieder durch lichtschächte belichtet wird. Am Ende liegt ein kreisrunder teich über dem ein prachtvoller, nach oben offener Raum das Licht nach unten leitet. In den dunklen, feuchten Gemäuern fliegen zahlreiche Fledermäuse umher und komplettieren mit ihren Schreien das mystische Bild.
Den Nachmittag schlenderte ich mit Simon und Johanna durch die Altstadt und über einen Textilienmarkt. Am Abend kamen wir dann in den Genuss einen der wichtigsten indischen Feiertage life vor Ort miterleben zu dürfen. Diwali ist das Fest der Lichter, so waren schon in den Tagen zuvor überall die Häuser und Geschäfte mit Lichterketten geschmückt und beleuchtet. Vor den Eingängen werden mit farbigem Sand Mandalas gestreut, Kerzen werden aufgestellt und alles wird festlich herausgeputzt. An diesem abend kam dazu noch ein großes Feuerwerk in der ganzen Stadt, das fast den ganzen Abend andauerte. Wir liefen kreuz und quer durch die Straßen und beobachteten das bunte treiben. Schon gegen 23h war jedoch das meiste vorbei. So konnten wir getrost zurück zum Hotel gehen und ein wenig dringend nötigen Schlaf nachholen. Schon am nächsten morgen sollte die Reise weitergehen. Ahmedabad habe ich als eine der beeindruckendsten weil authentischsten Städte kennengelernt die ich bisher besichtigen durfte. Indien mit all seinen Extremen hat uns hier wie eine Welle mit voller Kraft überrollt und mitgerissen, ein wahrer Sturm an Eindrücken hatte sich über uns ergossen.
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Essen im Zug
Straßenszenen…
Heritage Walk durch die Altstadt
Kinder…
Stufenbrunnen
Le Corbusier in Ahmedabad
Indian Institute of Management
Jain-Tempel
Büro von Balkrishna Doshi
Motorrikscha!
Die ganze Stadt ein einziger Zoo…
Diwali Beleuchtung und Feuerwerk
Noch viel mehr Bilder gibts auf FlickR…
Ahmedabad 11, a set on Flickr.
MUMBAI MAINA (Tag 1)
RAJASTAN RALLYE (Tage 5-7)
AMAZING AGRA (Tage 8-10)
CHARMING CHANDIGARH (Tage 11-13)




































































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