Am morgen des fünften Tages ließen wir Ahmedabad hinter uns und bewegten uns per Bus in gemäßigtem Tempo Richtung Norden. Wir machten noch einen kurzen Halt an einem Stufenbrunnen nördlich von Ahmedabad und einen weiteren in der Planstadt Ghandinagar, seit 1970 Hauptstadt des Staates Gujarat. Danach fuhren wir ohne weitere Stops hinein in die Wüsten Rajastans. Die Autobahnen waren recht gut ausgebaut. Auf ihnen bewegten sich jedoch auch Kamelwagen, Motorrikschas und Fußgänger und von Zeit zu Zeit lag auch mal eine Kuh auf dem Mittelstreifen. Somit war das zügige Vorrankommen nicht immer garantiert und wir benötigten einen guten halben Tag für die 260km bis Udaipur. Aber immerhin bekamen wir auf dem Weg ein wenig Landschaft und die ein oder andere Kuriosität am Straßenrand wie völlig überladene Motorräder und Busse zu sehen. Für Heiterkeit und Gelächter im Bus war gesorgt als auf einem etwas huppeligem Abschnitt eine der Sitzreihen im Bus komplett aus ihrer Verankerung brach und nach hinten kippte. Wir mussten uns notdürftig behelfen und die Bank für den Rest der Fahrt quer in den Bus stellen. Es leben indische Sicherheitsstandards!
In Udaipur angekommen hatten wir den Rest des Tages für uns zur freien Verfügung. Mit einigen Mädels aus der Gruppe zog ich eine Runde in die Altstadt um in den einen oder anderen Laden zu schauen und Mitbringsel zu organisieren. Udaipur ist eine für indische Verhältnisse kleine Stadt mit irgendwas um 500.000 Einwohnern. Entsprechend ist das Zentrum auch eher klein, doch die engen, gewundenen Gassen auf einem Hügel an einem künstlich angelegten See haben durchaus ihren Charme. Während wir da so entlang bummelten kamen wir an einem großen Tempel vorbei aus dem Gesang drang und in dem sich gerade viele Menschen versammelten. Wir ließen uns mal mit dem Strom die große Treppenanlage hinauf tragen und ehe ich mich versah hatte ich ein paar Blumen in die Hand gedrückt bekommen die ich, wie mir erklärt wurde, als Opfer darzubieten hatte um im Gegenzug Glück zu erhalten. Ein fairer Deal. Wir warteten also ein paar Minuten ab bis sich der große Andrang etwas abgeschwächt hatte und stiegen dann hinauf in den Tempel wo man der hier hausenden Gottheit bereits ein großes Buffet mit allerlei Gaben angerichtet hatte. Unsere Blumen konnten in Anbetracht dessen keinen großen Eindruck mehr schinden. Dennoch legten wir sie den Gebräuchen entsprechend hernieder und bedankten uns anschließend bei dem netten Menschen der uns das Prozedere erklärt hatte. Das Glück kam prompt in Form einiger Affen die im hinteren Bereich des Tempels in der einsetzenden Dämmerung von Ast zu Ast sprangen und schlieslich zu unserem Entzücken die reich verzierten Tempelwände als Kletterfelsen missbrauchten.
Der sechste Tag brach an und wir versammelten uns mit der Gruppe am Palast von Udaipur, einem von vielen mittelalterlichen Überbleibseln im ewig umkämpften Rajastan. Hindi, Moslems, Steppenvölker und Europäer haben sich hier über die Jahrhunderte so einiges an Kriegen geliefert, weshalb die Landschaft übersäht ist mit alten Verteidigungsanlagen, Burgen und Gemäuern. Der Palast von Udaipur ist eigentlich ein Komplex aus mehreren Palastanlagen zu denen auch der Lake Palace gehört, ein weiß schimmerndes Gebäude mitten im 1360 aufgestauten Pichola See, an dessen Ufern wiederrum malerisch der Stadtpalast liegt. Leider war die gebuchte Gruppentour eine ziemliche Zumutung da an diesem fünften und letzten Diwali-Feiertag anscheinend halb Indien den Stadtpalast sehen wollte. Der Rundgang war so überfüllt, dass es an vielen Stellen weder vorwärts noch rückwärts ging und man sich einfach über mehrere Minuten in der Masse durch enge Gänge schieben lassen musste bis man in irgendeinem Innenhof ausgespuckt wurde und sich dort für den nächsten engen Gang anstellen konnte. Deutlich entspannter war da schon die darauf folgende Tour mit dem Boot auf dem Pichola See.
Den Nachmittag erhielten wir wiederrum zur freien Verfügung was genutzt wurde um weitere Mitbringsel zu ergattern und ein wenig durch die Märkte der Stadt zu stöbern. Nach einem gemeinsamen Essen wollten wir dann am Abend die weiterreise im Nachtzug nach Jaipur antreten.
Zwischendurch zwei wichtige Lektionen zum Nachtzugfahren in Indien: Lektion 1) Informiere dich vorher in welchem Bereich du einsteigen musst! Indische Züge sind einen gefühlten Kilometer lang und wenn man mit Gepäck einmal den kompletten Bahnsteig auf und ab hasten muss bis man den richtigen Wagen gefunden hat ist das nicht so gut. Wenn man dann auch noch zu erst in Richtung der niedrigklassigeren Wagen läuft und plötzlich an völlig überfüllten Schlafwagen ankommt die nur Gitter in den Fenstern und keine Beleuchtung haben, und sich in der Gruppe immer mehr Unruhe breit macht, dann ist auch das nicht ganz so gut. Natürlich hatten wir unsere Plätze in den klimatisierten Wagen, um genau zu sein in der dritthöchsten von neun Kategorien. Lektion 2) Der audgedruckte verknitterte Zettel der am Bahnhof außen neben die Tür geklebt wird ist wichtig! Auf diesem stehen mämlich die zugewiesenen Sitz- bzw Liegeplätze. In dem Moment in dem aber 40 Touristen mit Gepäck plus ebenso viele Inder mit noch mehr Gepäck in einen Wagen gestürmt sind ohne vorher zu gucken ist es nur noch sehr sehr schwer nachzuvollziehen wer denn nun wo sitzen soll. In unserem Wagen waren die Plätze in quasi offene Abteile mit 6 Liegen und auf der anderen Seite vom Gang jeweils 2 übereinander liegende einzelne Liegen eingeteilt. Ich hatte das Glück eine der oberen Liegen direkt am Gang zu ergattern die im gegensatz zu den 6er Abteilen einen eigenen Vorhang besitzen. Ab dem Moment fand ich die 8-Stündige Zugfahrt eigentlich recht angenehm wenngleich natürlich wenig komfortabel. Aber immerhin befanden wir uns ja auch in Indien und nicht in einem ICE. Ich konnte einige Stunden Schlaf ergattern und es vermeiden dem Loch im Boden des Wagens, dass hier als Toilette fungiert, einen Besuch abstatten zu müssen. Also alles richtig gemacht…
Am morgen des siebten Tages saßen wir alle auf der Wiese vor einem wunderschönen Hotel in Jaipur beim Frühstück. Leider konnte aus verschiedenen Gründen nicht jeder aus der Gruppe auf 6 Stunden Schlaf zurückschauen, weshalb die Stimmung doch deutlich gedämpft war. Ich persönlich war jedoch recht fit und voll der Vorfreude auf einen neuen Tag. Schon bald machten wir uns zu Fuß auf den Weg in die nahegelegene Altstadt, die irgendein Herrscher um 1876 zu Ehren des Besuches irgendeines englischen Königs komplett Rosa anmalen ließ. Noch heute sind 90% der Bausubstanz in dieser Farbe der Gastfreundschaft gehalten, wenngleich der Zahn der Zeit das ganze etwas verblassen lässt. Die vielleicht bekannteste Sehenswürdigkeit Jaipurs ist der um 1800 gebaute Palast der Winde Hawa Mahal, ein prächtiges Gebäude an der wichtigsten Kreuzung der Stadt dessen Zweck es war den Frauen des Palastes einen Blick ins Geschehen zu ermöglichen. Die strengen Sitten der Zeit erlaubten den Damen des Königs keine Teilnahme an der Gesellschaft. Die filigranen steinernen Gitterkonstruktionen des Gebäudes boten den dahinterliegenden Flaniergängen einen guten Sichtschutz und ermöglichten somit zumindest eine passive Teilnahme an den beliebten Prozessionen auf der Straße.
Einige hundert Meter weiter am Rande der Palastanlagen stehen ein paar seltsam anmutende geometrische Großformen in einem Park und leuchten im Sonnenlicht. Das 1720 errichtete Jantar Mantar ist eines von fünf zu der Zeit in Indien gebauten Großobservatorien und gehört seit einigen Jahren zum Weltkulturerbe. Während in Europa die Feinmechanik entwickelt wurde um die Genauigkeit von Messgeräten zu steigern erreichte man selbigen Effekt in Indien durch schiere Größe. So kann die 27m hohe Sonnenuhr des Jantar Mantar die Zeit auf 2 Sekunden genau anzeigen. Man kann dem Schatten beim Wandern regelrecht zusehen. Außer der Sonnenuhr stehen noch 13 weitere astronomische Großgeräte in dem Park die den Verlauf verschiedener Gestirne messen und alles in allem ein sehr fotogenes Gesamtbild abgeben.
Desweiteren gibt es im Umkreis des Palastes einen Tempel in dessen einladenden Parkanlagen eine große Gruppe Affen lebt. Die Tiere verteilen sich Tagsüber in die ganze Stadt und können immer wieder mal auf Hausdächern und am Straßenrand gesehen werden. In dem Park sitzen sie überall auf den Wiesen und sind relativ zutraulich so dass sie ein gutes Fotomotiv abgeben. Außerdem hängen in den Bäumen noch große Flughunde die ab und zu mal die Flügel ausspreizen und ihre beeindruckende Spannweite zeigen. Vor lauter Affen verloren wir zu viert den Rest der Gruppe aus den Augen und mussten schließlich alleine per Motorrikscha den Weg ins Hotel finden. Aber das war es Wert!
Am Nachmittag stand dann mal wieder etwas Architektur auf dem Programm. Das Jawahar Kala Kendra Kunstzentrum von Charles Correa wurde im Jahr 1991 gebaut um die Künste und das Handwerk des Staates Rajastan hier zu sammeln und zu erhalten. Das besondere ist der Grundriss der sich an alten indischen Mandalas so wie den traditionellen Stadtgrundrissen orientiert und die gesamte Anlage in 9 Felder einteilt von denen das mittlere offen bleibt und ein Openairtheater beherbergt. Besonders beeindruckend waren hier die leuchtenden Farben der jeweiligen Abschnitte in der prallen Mittagssonne. Desweiteren gibt es in Jaipur die Pearl Academy of Fashion zu bestaunen die das Architekturbüro morphogenesis erst im Jahr 2008 fertigstellte und die somit zu den wenigen neueren Gebäuden auf unserer Liste zählte. Die Hochschule präsentiert sich als strikter Kubus der von außen nur durch seine Sonnenschutzgitter strukturiert, im inneren aber durch amorphe Innenhöfe aufgebrochen wird. Tatsächlich ein sehr interessantes Gebäude das an diesem späten Nachmittag jedoch leider verwaist und großteils verschlossen im abendlicht lag. Nach einem langen, anstrengenden Tag wurden wir am Abend mit einem Essen in einem der besten Hotels der Stadt, inklusive Tanz- und Showeinlagen belohnt ehe es relativ zeitig wieder zurück in unser eigenes Hotel ging um dem vor allem durch den Nachtzug entstandenen Schlafdefizit entgegenzuwirken.
Indische Autobahnen
Kaputte Bank im Bus
In den Straßen von Udaipur
Momente in Udaipur
Tempel und Opfergaben im inneren
Udaipur City Palace
überfüllte Räume und Männchen aus Kuhfladen
Mit dem Nachtzug durch Indien…
Impressionen aus Jaipur
Jantar Mantar, eine Minute auf einer Sonnenuhr
Tierwelt in Jaipur, ein halber Zoo in der Stadt
Jawahar Kala Kendra Kunstzentrum von Charles Correa
Jaipur Momente
Pearl Academy of Fashion
Abendessen mit Showeinlage
Noch viel mehr Bilder gibts auf FlickR…
Rajastan 11, a set on Flickr.
MUMBAI MAINA (Tag 1)
AHMEDABAD ADVENTURE (Tage 2-4)
AMAZING AGRA (Tage 8-10)
CHARMING CHANDIGARH (Tage 11-13)










































































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